Home

Ewiges Leben, was für ein Versprechen...

Die meisten Religionen, in unserem Kulturkreis alle, verstehen sich als Trosthilfeinstanz gegen die Ängste ihrer Anhänger. Die Angst vorm Tod ist etwas, das fast alle betrifft. Dass die Religiösen nicht wirklich sterben müssen (obwohl jeder sehen kann, DASS gestorben wird), ist das naheliegende Versprechen. Es ist als ob einer auf dem Marktplatz ein "Medizinwässerchen" gegen eine weit verbreitete und schmerzhafte Krankheit verkaufen würde, ohne dass irgend jemand deren Wirksamkeit jemals überprüfen könnte. Für skrupellose Dealer (und wir wissen, es gibt sie!) eine einfach unwiderstehliche Situation...

Gegen Verführung

Laßt euch nicht verführen!
Es gibt keine Wiederkehr.
Der Tag steht in denTüren;
Ihr könnt schon Nachtwind spüren:
Es kommt kein Morgen mehr.

Laßt euch nicht betrügen!
Das Leben wenig ist.
Schlürft es in schnellen Zügen!
Es wird euch nicht genügen
Wenn ihr es lassen müßt!

Laßt euch nicht vertrösten!
Ihr habt nicht zu viel Zeit!
Laßt Moder den Erlösten!
Das Leben ist am größten:
Es steht nicht mehr bereit.

Laßt euch nicht verführen
Zu Fron und Ausgezehr!
Was kann euch Angst noch rühren?
Ihr sterbt mit allen Tieren
Und es kommt nichts nachher.

Aus: Bertolt Brecht, Gesammelte Gedichte, Bd 1. Frankfurt, Suhrkamp 1978, S. 260.

Schädel einer ehrbaren kretischen Ziege. Fundort: Rodopou-Halbinsel, nahe beim antiken Dikhtina-Heiligtum (viele Stunden Fußmarsch!)
Der Tod geht mich nichts an. Wenn ich bin, ist er noch nicht. Und wenn er ist, bin ich nicht mehr!

(Epikur)

In die Schlacht

Natürlich liegt die Annahme nahe, dass das Märlein vom Leben nach dem Tod dazu erfunden wurde, um Menschen leichter in die Schlacht zu führen. Wenn es danach erst so richtig losgeht, opfert man sein Leben leichter. (Vor allem, wenn es sich eh um ein beschissenes Leben handelt.) So wird der Gläubige gern zur lebenden Bombe oder zum mordenden Berserker, wenn er glaubt, Gottes Willen zu erfüllen und sich alsbald im Paradies mit siebenundzwanzig speziell für ihn reservierten Jungfrauen wiederzufinden... Das Leben nach dem Tod als einer dieser klassischen Erfindungen derer, die damit Menschen für ihre Zwecke missbrauchen. Ein Element politischer Schafhaltung.

= Motto der amerikanischen Rüstungsfirma Militec (in Anpassung an den wieder modernen amerikanischen Trend, den Krieg als göttliche Aufgabe zu verkaufen...)

Kraftverlust

Das Offensichtliche zu leugnen, nämlich dass wir sterben werden (richtig, endgültig!), ist die große Anstrengung der Christenreligion. Es ist die Anstrengung, die der Wahn zu seiner Aufrechterhaltung benötigt. Eine große Anstrengung kostet viel Kraft. Kraft, die dann anderswo fehlt. Z. B. beim Umgang mit dem Leben vor dem Tod.

Ewiges Leben und "Seele"

Die Lehre vom "Nicht-Tod" zeigt, dass sich die Menschen nur bis zu einem gewissen Punkt für dumm verkaufen lassen, dass man sich schon ein wenig anstrengen muss. Denn dass Menschen sterben, das sehen sie doch. Mehr noch: sie sehen, dass Menschen wie alle anderen Tiere nach ihrem Tod zerfallen, und zwar unabhängig davon, ob sie der richtigen Religion angehört haben oder nicht. Was ist also auf Seiten der Religionsdealer zu tun? Ganz einfach: Man erfindet etwas, das weiterlebt, auch wenn der Körper zerfällt, die "Seele". Was ist deren wichtigste Eigenschaft, von der Unsterblichkeit abgesehen? Als erstes und vor allem muss sie unsichtbar (*), substanzlos sein, damit niemand auf die Idee kommt, ihre Existenz nachprüfen zu wollen. Zweitens muss diese "Seele" aber auch möglichst ein Container für alles am Menschen sein, das er für wertvoll erachtet bzw. erachten soll, damit sich das Abstrahieren des verfaulenden Körpers überhaupt als "Weiterleben" verkaufen lässt. (Sexualität bleibt da außen vor.)

(*)Das Unsichtbare in jeglicher Form ist aus diesem Grund typisch für Religion (und Mythen allgemein). Nicht zuletzt ist ja der Christengott selbst unsichtbar...

Neuere Untote

Das Internet strotzt vor großartigen Beispielen dafür, dass auch der religiöse Glaube erfinderisch und anpassungsfähig ist. Gerade moderne Religiöse, die wegen der abgeschlafften konventionellen Glaubenstraditionen nach Neuem gieren, sind ständig bestrebt, alte Vorstellungen mit modernen technischen Mitteln neu zu erwecken. Anscheinend eine Art permanentes Auferstehungswunder der doch immer gleichen untoten Vorstellungen...

Ein paar Beispiele für solche "Vorstellungs-Zombies":
Tonbandstimmen
Psychofotografie

Wo steht das, dass die Seele 7 oder 8 Gramm wiegt? (Gewichtsabnahme im Moment des Todes, die angeblich irgendwer mal nachgemessen haben soll...) Ich denke, im Internet findet man alles? Oder war das auch nur ein "Hoax" (eine Verarsche)?? Ich wate offenbar knietief in der Sch..., und ich glaube zu wissen warum...

Jenseits-Orientierung

Das jenseitsgetrübte Auge ist ein schlechter Ratgeber. Ihm verklärt sich das Leid zur Freude, das Verbrechen zur Heldentat, das Joch zum Siegessymbol.
(M. S. Salomon)

Trugbild der Unsterblichkeit

Gottfried Keller zur "Poesie des Atheismus", zur Entzauberung im Sinne einer Befreiung der Welt von allem faulen Zauber, und gleichzeitig der Verstärkung des ihr innewohnenden echten Zaubers:

Ich hab' in kalten Wintertagen.

Ich hab' in kalten Wintertagen,
In dunkler hoffnungsarmer Zeit
Ganz aus dem Sinne dich geschlagen,
O Trugbild der Unsterblichkeit.

Nun, da der Sommer glüht und glänzet,
Nun seh' ich, daß ich wohl gethan;
Ich habe neu das Herz umkränzet,
Im Grabe aber ruht der Wahn.

Ich fahre auf dem klaren Strome,
Er rinnt mir kühlend durch die Hand;
Ich schau' hinauf zum blauen Dome -
Und such' kein bessres Vaterland.

Nun erst versteh' ich, die da blühet,
O Lilie, deinen stillen Gruß,
Ich weiß, wie hell die Flamme glühet,
Daß ich gleich dir vergehen muß!

(Gottfried Keller)
(Andere Version:)

Ich hab' in kalten Wintertagen,
In dunkler, hoffnungsarmer Zeit
Ganz aus dem Sinne dich geschlagen,
O Trugbild der Unsterblichkeit.

Nun, da der Sommer glüht und glänzet,
Nun seh' ich, daß ich wohlgetan!
Auf's Neu' hab' ich das Haupt bekränzet,
Im Grabe aber ruht der Wahn.

Ich fahre auf dem klaren Strome,
Er rinnt mir kühlend durch die Hand;
Ich schau' hinauf zum blauen Dome -
Und such' - kein bess'res Vaterland.

Seid mir gegrüßt, ihr holden Rosen,
In eures Daseins flücht'gem Glück!
Ich wende mich vom Schrankenlosen
Zu eurer Anmut mich zurück!

Zu glüh'n, zu blüh'n und ganz zu leben,
Das lehret euer Duft und Schein,
Und willig dann sich hinzugeben
Dem ewigen Nimmerwiedersein!
Nach einer Begegnung mit dem atheistischen Denker Ludwig Feuerbach hat Keller in einem Brief so formuliert:

"Wie trivial erscheint mir gegenwärtig die Meinung, daß mit dem Aufgeben der sogenannten religiösen Ideen alle Poesie und erhöhte Stimmung aus der Welt verschwinde! Im Gegenteil! Die Welt ist mir unendlich schöner und tiefer geworden, das Leben ist wertvoller und intensiver, der Tod ernster, bedenklicher und fordert mich nun erst mit aller Macht auf, meine Aufgabe zu erfüllen und mein Bewußtsein zu reinigen und zu befriedigen, da ich keine Aussicht habe, das Versäumte in irgendeinem Winkel der Welt nachzuholen."

Entwertung des Diesseits

Der Glaube an das Jenseits entwertet das Diesseits

(Aus:Nietzsche, Der Antichrist, Teil 2)

Wenn man das Schwergewicht des Lebens nicht ins Leben, sondern ins "Jenseits" verlegt - ins Nichts -, so hat man dem Leben überhaupt das Schwergewicht genommen. Die große Lüge von der Personal-Unsterblichkeit zerstört jede Vernunft, jede Natur im Instinkte, - alles, was wohltätig, was lebenfördernd, was zukunftverbürgend in den Instinkten ist, erregt nunmehr Misstrauen. So zu leben, dass es keinen Sinn mehr hat zu leben, das wird jetzt zum Sinn des Lebens . . . Wozu Gemeinsinn, wozu Dankbarkeit noch für Herkunft und Vorfahren, wozu mitarbeiten, zutrauen, irgendein Gesamtwohl fördern und im Auge haben? . . . Ebenso viele "Versuchungen", ebenso viele Ablenkungen vom "rechten Weg" - "eins ist notwendig" . . . Dass jeder als "unsterbliche Seele" mit jedem gleichen Rang hat, dass in der Gesamtheit aller Wesen das "Heil" jedes Einzelnen eine ewige Wichtigkeit in Anspruch nehmen darf, dass kleine Mucker und Dreiviertels-Verrückte sich einbilden dürfen, dass um ihretwillen die Gesetze der Natur beständig durchbrochen werden, - eine solche Steigerung jeder Art Selbstsucht ins Unendliche, ins Unverschämte kann man nicht mit genug Verachtung brandmarken. Und doch verdankt das Christentum dieser erbarmungswürdigen Schmeichelei vor der Personal-Eitelkeit seinen Sieg, - gerade alles Missratene, Aufständisch-Gesinnte, Schlechtweggekommne, den ganzen Auswurf und Abhub der Menschheit hat es damit zu sich überredet. Das "Heil der Seele" - auf deutsch: "die Welt dreht sich um mich" . . . Das Gift der Lehre "gleiche Rechte für alle" - das Christentum hat es am grundsätzlichsten ausgesät; das Christentum hat jedem Ehrfurchts- und Distanz-Gefühl zwischen Mensch und Mensch, das heißt der Voraussetzung zu jeder Erhöhung, zu jedem Wachstum der Kultur einen Todkrieg aus den heimlichsten Winkeln schlechter Instinkte gemacht, - es hat aus dem Ressentiment der Massen sich seine Hauptwaffe geschmiedet gegen uns, gegen alles Vornehme, Frohe, Hochherzige auf Erden, gegen unser Glück auf Erden . . . Die "Unsterblichkeit" jedem Petrus und Paulus zugestanden war bisher das größte, das bösartigste Attentat auf die vornehme Menschlichkeit. Und unterschätzen wir das Verhängnis nicht, das vom Christentum aus sich bis in die Politik eingeschlichen hat! Niemand hat heute mehr den Mut zu Sonderrechten, zu Herrschaftsrechten, zu einem Ehrfurchtsgefühl vor sich und seinesgleichen, - zu einem Pathos der Distanz . . . Unsre Politik ist krank an diesem Mangel an Mut! - Der Aristokratismus der Gesinnung wurde durch die Seelen-Gleichheits-Lüge am unterirdischsten untergraben; und wenn der Glaube an das "Vorrecht der meisten" Revolutionen macht und machen wird, das Christentum ist es, man zweifle nicht daran, christliche Werturteile sind es, welche jede Revolution bloß in Blut und Verbrechen übersetzt! Das Christentum ist ein Aufstand alles Am-Boden-Kriechenden gegen das, was Höhe hat: das Evangelium der "Niedrigen" macht niedrig . . .

Lieber in der Hölle (Hatuey)

Der ehrbare Indio-Häuptling Hatuey, den die Spanier bei lebendigem Leibe verbrannten, wurde vor seiner Ermordung gefragt, ob er nicht zum Christentum übertreten wolle, um so in den Himmel zu kommen. Er soll darauf gefragt haben, wohin die Spanier nach ihrem Tode kämen. Als darauf der Priester meinte, die Spanier kämen in den Himmel, soll Hatuey geantwortet haben, dass er mit solch grausamen Menschen nicht zusammen sein wolle und lieber in die Hölle ginge.

Näheres dazu: "Hatuey" bei Wikipedia